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Work-by-Inclusion: Datenbrillen unterstützen ­Hörgeschädigte in Lagerprozessen

Blick durch transparente Datenbrille auf ein Regal, oben im Bild ist ein virtuelles Display zu sehen© Lehrstuhl fml

Das Ziel des Projektes Work-by-Inclusion ist die Integration hörbehinderter Menschen in Betriebsabläufe der Lagerlogistik. Dabei werden den Beschäftigten wichtige Informationen mittels einer Datenbrille bereitgestellt. Zusätzlich ermöglicht das System die Kommunikation zwischen hörbehinderten und hörenden Beschäftigten.

In Deutschland gibt es ca. 80.000 Gehörlose und 140.000 Schwerhörige, die auf einen Gebärdensprachdolmetscher angewiesen sind. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes sind bundesweit ca. 10.000 Arbeitsplätze nicht besetzt, die von Hörgeschädigten eingenommen werden könnten. Hier bietet das Konzept Work-by-Inclusion großes Potenzial, schwerbehinderte Fachkräfte in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen.

Die Schmaus GmbH, ein Fachhandelsunternehmen für Bürobedarf mit insgesamt 48 Mitarbeitern, legt seit Jahren besonderen Wert auf die Integration von Menschen mit Handicaps. Von den zwölf Beschäftigten mit Behinderung, darunter sechs Gehörlose oder auf einen Gebärdensprachdolmetscher angewiesene Schwerhörige, arbeiten neun Personen im Logistikbereich. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml) der Technischen Universität München und der CIM GmbH als Spezialist für Lagersoftware wurde das Forschungsprojekt „Work-by-Inclusion“ etabliert. Das Projekt hat das Ziel, gehörlose und hörgeschädigte Menschen mittels einer Datenbrille vollständig in die operativen Betriebsabläufe der Kommissionierung einzubinden.1

Wie funktioniert Work-by-Inclusion?
Im Projekt Work-by-Inclusion wird die am Lehrstuhl fml entwickelte Kommissioniertechnologie Pick-by-Vision angewendet. Die essentiellen Informationen eines Kommissionierauftrags werden mittels einer Datenbrille in das Sichtfeld des Fachpersonals eingeblendet. Dieses Assistenzsystem kann von hörbehinderten und hörenden Kommissionierern gleichermaßen genutzt werden. Informationen werden ausschließlich visuell und nicht akustisch übertragen. Dies stellt eine moderne und wettbewerbsfähige Technologie für Lagerprozesse wie Kommissionierung, Einlagerung und Umlagerung dar – im Gegensatz zur klassischen Kommissionier- oder Auftragsliste in Papierform, die im Zuge der Digitalisierung immer mehr verdrängt wird.

Die Datenbrille ermöglicht auch das Absetzen und Empfangen von Nachrichten und bildet somit eine gemeinsame Kommunikationsschnittstelle zwischen allen hörbehinderten und hörenden Mitarbeitern. Zusätzlich zu den zu absolvierenden Arbeitsschritten werden auch Warnmeldungen (z. B. Feueralarm) oder allgemeine Informationen (z. B. Treffen in der Kantine) angezeigt. Neben der Datenbrille führt das Kommissionierpersonal einen handlichen Barcodescanner mit sich, um die ausgeführten Arbeitsschritte zu quittieren. Über diesen Scanner kann die Datenbrille auch komfortabel bedient werden.

Das beleglose digitale Informationssystem führt das Kommissionierpersonal durch den Arbeitsprozess. Dadurch kann kein Auftragsschritt ausgelassen werden. Die Fehlerrate und folglich auch eine zeit- und kostenintensive Nacharbeit werden minimiert. Zudem haben die Beschäftigten beide Hände frei, um sich auf die Kerntätigkeiten Greifen, Entnehmen und Ablegen von Artikeln zu konzentrieren.

Die Kommunikationsschnittstelle zur Datenbrille ist offen definiert. Jegliche Software-Plattformen können Inhalte an die Datenbrille schicken. Das Anwendungsspektrum ist damit nicht nur auf die Kommissionierung beschränkt, sondern lässt sich beispielsweise auch auf die Bereiche Medizin oder industrielle Montageprozesse erweitern.

Nutzen und Vorteile für Anwender
Eine auf gelungene Inklusion von Menschen mit Handicaps ausgerichtete Unternehmensphilosophie macht sich nach Erfahrungen der Schmaus GmbH in einer hohen Loyalität der Belegschaft, einem positiven Unternehmensklima sowie in einer niedrigen Fluktuation bemerkbar. Die hörgeschädigten Beschäftigten kompensieren die fehlende bzw. verminderte Funktionsfähigkeit des Gehörs durch eine besonders gut ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit der Augen. Somit werden die Aufgaben trotz oder gerade aufgrund der Behinderung in einer besonders hohen Qualität und Quantität erbracht. Work-by-Inclusion gibt somit Unternehmen die Chance, hochmotivierte Menschen mit Handicap zu beschäftigen und dem bereits spürbaren Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

 

Daniela Schmaus
daniela.schmaus@buero-schmaus.de

Matthias vom Stein
vomstein@fml.mw.tum.de

  

Weitere Informationen finden Sie unter: www.work-by-inclusion.de

1 Das Projekt „Entwicklung von visuellen Arbeitsmitteln für in Lagerprozessen tätige Gehörlose – Work-by-Inclusion“ wird unter dem Kennzeichen 01KIVI141207 durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) aus Mitteln des Ausgleichsfonds gefördert.

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