KANBrief 1/11

DIN-Workshop berät Normen zur psychischen Belastung und Beanspruchung

Die Normen zur psychischen Arbeitsbelastung haben sich im Grundsatz bewährt. Bei der nun anstehenden Überarbeitung sollten dennoch einige Änderungen vorgenommen werden. Als Auftakt zu dieser Überprüfung hat der Normenausschuss Ergonomie des DIN eine in der Normung nicht alltägliche Form gewählt: einen Workshop. Darin wurden zahlreiche konkrete Vorschläge zur Fortschreibung der Normen gemacht, die der Ausschuss als Arbeitsgrundlage nutzen wird.

Zu den bekanntesten Ergonomienormen zählt die Normenreihe EN ISO 10075 „Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung“. Sie stellt die international vereinbarte Verständigungsgrundlage dar, die in drei Teilen wesentliche Zusammenhänge beschreibt, Anforderungen an die Ermittlung und Messung stellt und Gestaltungsempfehlungen zur Optimierung psychischer Belastungen gibt. Ihre Überarbeitung war bisher mit Rücksicht auf die übergeordnete Normenarbeit zurückgestellt worden. Nachdem aber die Ergonomie-Grundlagennorm EN ISO 6385:2004 „Grundsätze der Ergonomie für die Gestaltung von Arbeitssystemen“ im letzten Jahr bestätigt wurde und für die ergonomische Arbeitsgestaltung im Allgemeinen mit der ISO 268002 nunmehr eine eigene Norm im Entwurf vorliegt, kann im nächsten Schritt die Normenreihe EN ISO 10075 daraufhin geprüft werden, ob sie noch dem Stand der Technik entspricht.

Am 20. Januar 2011 richtete der Normenausschuss Ergonomie im DIN einen Workshop zum Thema „Psychische Belastung und Beanspruchung“ aus. Diese gewissermaßen öffentliche Anhörung zur Bewährung der Normen fand eine breite Resonanz. Rund 80 Teilnehmer von Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, Arbeitsschutzbehörden, Unfallversicherungsträgern, Prüfinstituten, Beratungsunternehmen und Forschungseinrichtungen folgten der Einladung. Der Workshop zielte darauf ab, die im Bereich der psychischen Belastung und Beanspruchung aktuell zu beobachtenden Veränderungen zu identifizieren, den dazu vorhandenen Kenntnisstand zu ermitteln sowie die Normungsrelevanz der Entwicklungen zu bestimmen.

In der Diskussion bescheinigten die Teilnehmer der Normenreihe EN ISO 10075 eine hohe Praxiswirksamkeit und Beachtung. Sie habe beispielsweise die Vereinheitlichung des Sprachgebrauchs gefördert und sei für eine Vielzahl tariflicher und betrieblicher Vereinbarungen als Grundlage herangezogen worden. Es gab allerdings auch zahlreiche Vorschläge für die vorgesehene Überarbeitung.

Im Zentrum stand dabei der Teil 1 „Allgemeines und Begriffe“. Einhelliger Tenor der Beiträge hierzu war, Begriffe wie zum Beispiel Stress, die sich in Wissenschaft und Praxis seit langem durchgesetzt haben, in die Norm aufzunehmen. Zum anderen sei es an der Zeit, das seit rund 40 Jahren unveränderte Belastungs-Beanspruchungs- Konzept zu aktualisieren. Mehrere Beiträge aus der Arbeitspsychologie zeigten Möglichkeiten auf, das als zu einfach empfundene Modell um neuere Erkenntnisse zu erweitern. So könnte zum Beispiel auf der „Input-Seite“ unterschieden werden zwischen kognitiven, emotionalen und körperlichen Einwirkfaktoren. Diese ließen sich wiederum in (positive) Anforderungen und (negative) Stressoren einteilen. Auf der „Output- Seite“ des Modells sollte ebenfalls klarer als bisher nach kurz- und längerfristigen Folgen und diese jeweils nach positiven wie negativen Effekten differenziert werden. Zusätzlich sollten deren Veränderungen und Interdependenzen im Zeitablauf neu aufgenommen werden.

Im Teil 2 „Gestaltungsgrundsätze“ der EN ISO 10075 wird aufgezeigt, wie es zu Fehlbeanspruchungen kommen kann. Die beschriebenen Grundsätze zur Vermeidung negativer Beanspruchungsfolgen (wie Ermüdung, Monotonie oder herabgesetzte Wachsamkeit) und zur Optimierung der Beanspruchung können zur Prävention beitragen, wenn sie bereits bei der Entwicklung eines Arbeitssystems herangezogen werden. Bei ihren Änderungsvorschlägen unterstrichen die Workshopteilnehmer, dass die Grundsätze natürlich anzupassen sind, sobald es begriffliche und konzeptionelle Änderungen im Teil 1 gibt. Darüber hinaus sollte der Normtext gründlich überarbeitet werden, beispielsweise um auf Unterschiede zwischen Produktionsund Dienstleistungsarbeit einzugehen.

Bevor die internationale Normenorganisation ISO offiziell die Überarbeitung startet, kann das deutsche Spiegelgremium nun auf Grundlage der Workshop-Ergebnisse bereits beginnen, seine Position dazu eingehend auszuarbeiten. Dabei ist es wichtig, den Wandel der Arbeitswelt und neuere Erkenntnisse der Arbeitswissenschaft zu berücksichtigen.

Ulrich Bamberg
bamberg@kan.de