KANBrief 4/17

Sicherer Zugang zu Druckbehältern

© Politecnico di Milano

Täglich müssen Arbeiter und Techniker in das Innere von Druckbehältern einsteigen, um Bau-, Wartungs-, Reparatur- und Inspektionsarbeiten durchzuführen. Hierzu müssen sie durch eine Behälteröffnung steigen, die häufig so klein bemessen ist, dass zwar der Einstieg möglich ist, sich die Rettung und Bergung von Unfallopfern jedoch besonders schwierig gestaltet. An der Polytechnischen Universität Mailand wurden dazu für zwei Diplomarbeiten einige Studien durchgeführt.

Rund 20.000 Großwasserraumkessel in Deutschland müssen alle fünf Jahre überprüft werden. Dies bedeutet, dass jeden Tag durchschnittlich 20 Techniker in einen Kessel einsteigen.1 Zählt man noch die an der Herstellung und Wartung der Druckbehälter beteiligten Beschäftigten hinzu, steigt diese Zahl mit großer Sicherheit noch deutlich an.

Bei Arbeiten in Druckbehältern besteht die Gefahr, dass etwa durch Sauerstoffmangel oder akute Gefahrstoffexpositionen schwere Unfälle geschehen. Die Rettungsmaßnahmen gestalten sich unter diesen Umständen sehr schwierig – besonders wenn der Verunglückte bewusstlos ist – da die normalerweise an den Behältern installierte Durchgangsöffnung eine elliptische Form hat und nur 300 mm x 400 mm oder 320 mm x 420 mm groß ist. Im Jahre 2017 haben wir an der Polytechnischen Universität Mailand im Masterstudiengang Sicherheitstechnik der Prozessindustrie die Problematik des Einstiegs in Großwasserraumkessel mit Dampf- oder Wasserrohren untersucht. Auf der Grundlage einer Gefahrenanalyse und Risikobeurteilung haben wir Maßnahmen untersucht, die vor dem Einstieg der Beschäftigten getroffen werden müssen, um ein sicheres Arbeiten zu gewährleisten. Dies war notwendig, da derzeit keine alternativen Systeme (etwa der Einsatz von Robotern) zur Verfügung stehen, die den Menschen vollständig ersetzen könnten.

Mit Hilfe von Untersuchungen bei einem Hersteller von Druckbehältern konnten die Arbeitsabläufe genau analysiert werden. Wir haben gegenübergestellt, wie durch eine veränderte Position der Einstiegsöffnung oder eine Vergrößerung des Öffnungsquerschnittes der Ein- und Ausstieg in Notfallsituationen erleichtert werden könnte. Dabei wurde auch die mechanische Stabilität der Druckbehälter berücksichtigt, da eine Vergrößerung der Einstiegsöffnung unweigerlich zu einer Schwächung der Stabilität führt. Diesem Problem kann man mit diversen technischen Ansätzen entgegenwirken, etwa durch eine größere Wandstärke des Behälters oder durch den Einbau von Verstärkungsstreben.

Bei den Überlegungen wurde auch berücksichtigt, dass notfalls Beschäftigte aus dem Inneren des Behälters geborgen werden müssen, die verletzt sind oder plötzlich einen Herzstillstand erlitten haben. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei vorbeugenden technischen Lösungen geschenkt, mit denen die Zahl der notwendigen Einstiege für regelmäßige Überprüfungen verringert werden kann (risk-based inspection), sowie speziellen Vorgehensweisen der Rettungskräfte, die die Zeit der Rettung verkürzen. Daraus sollte auch abgeleitet werden, welche Schulungen das Rettungspersonal durchlaufen muss und welche persönliche Schutzausrüstung und Rettungsausrüstung geeignet ist. Um die Sicherheit der Beschäftigten in engen Räumen zu gewährleisten und (schwere) Unfälle zu vermeiden, ist eine sachgemäße Einweisung in die Benutzung der Ausrüstung notwendig. Diese Aspekte sind unverzichtbare Voraussetzungen für erfolgreiche Rettungsmaßnahmen, bei denen Beschäftigte in das Innere von Druckbehältern einsteigen müssen.

Ein weiterer Aspekt unserer Untersuchungen betrifft die körperliche Belastung der Rettungskräfte. Am Körper des Rettungshelfers wurden mehrere Sensoren zur Erhebung von Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und weiteren Parametern angebracht. Zudem wurden vor und nach dem Versuchslauf Blutproben entnommen. So war es möglich, die bei den Rettungsversuchen in engen Räumen aufgetretene Ermüdung und Belastung des Retters zu bestimmen. Dieses Vorgehen hat nützliche Hinweise geliefert, aus denen Anforderungen an die körperlichen Voraussetzungen und die Leistungsfähigkeit der Rettungskräfte abgeleitet werden können, die bei Rettungsmaßnahmen in engen Räumen eingesetzt werden.

Es ist geplant, unsere Untersuchungen auf weitere Druckbehältertypen auszudehnen, unter anderem solche mit inneren Hindernissen (wie Rührwerkzeug etc.), um wirkungsvolle Rettungsmaßnahmen abzuleiten. Zudem wäre es wünschenswert, dass die Ergebnisse der Studien auch in die Normung von Druckbehältern einfließen.

Adriano Paolo Bacchetta
Präsident von EURSAFE2
assoziiertes Mitglied von SME Safety
presidente@eursafe.eu

Giuseppe Nano
Ivan Belianin
Indrit Dangaj
Politecnico di Milano

  

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