KANBrief 3/20

Eine Normungsstrategie für das Handwerk

Holger Schwannecke© ZDH/Agentur Bildschön/Boris Trenkel
Holger Schwannecke
Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks

Dass sachgerechte Normen in einer arbeitsteiligen Wirtschaft unverzichtbar sind, ist im Handwerk unbestritten. Unbenommen der Vorteile sieht das Handwerk jedoch auch problematische Entwicklungen in der Normung. Mit seinem im Mai 2020 veröffentlichten „Positionspapier Handwerk und Normung“ (pdf) setzt sich der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) dafür ein, Normen und Normung wieder stärker an den Bedürfnissen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) auszurichten.

Mit seinen über 130 Berufen ist das Handwerk in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen tätig, sei es in Wertschöpfungsketten mit der Industrie oder in der direkten Produkt- und Dienstleistungserstellung für private Verbraucher sowie für die öffentliche Hand. Dabei produziert, be- und verarbeitet das Handwerk unzählige Vor-, Zwischen- und Endprodukte mit den unterschiedlichsten Materialen. Fast überall sind Normen zu beachten oder anzuwenden.

Problematische Entwicklungen in der Normung

Bei allen Vorteilen, die Normung und Normen auch den KMU des Handwerks bringen, sieht das Handwerk aber auch problematische Entwicklungen in der Normung.

Neben einer zunehmenden Anzahl von Normen ist eine deutliche Ausweitung der sogenannten Querschnittsnormung festzustellen. Diese horizontalen Normen steigern nicht zuletzt den Rechercheaufwand erheblich und erschweren die Transparenz, weil der Bezug zum eigentlichen Sachgebiet des Anwenders oft nicht klar ersichtlich ist. In der Vergangenheit waren Betroffene häufig nicht oder nur unzureichend informiert und in die Erarbeitung eingebunden. Dies hat auch dazu geführt, dass es teilweise zu thematischen und inhaltlichen Dopplungen zwischen Normen, aber auch mit technischen Regelwerken und Richtlinien, gekommen ist.

Andererseits fehlen der Wirtschaft auf europäischer Ebene technische Normen zum Teil noch. Dies betrifft vor allem den Bereich der neuen Technologien wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz, aber auch den Baubereich, in dem die dringend benötigte Normung stockt.

Darüber hinaus hat sich die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Normen tendenziell verschlechtert: Normen sind komplexer geworden, ihr Umfang hat sich erweitert und sie sind – nicht selten – auch für Fachleute nur schwer nachvollziehbar.

Normen haben aus der Sicht des Handwerks die Aufgabe, anerkannte Regeln der Technik abzubilden sowie Innovationen aufzunehmen. Es sind jedoch Bereiche zu beobachten, in denen im Übermaß der Stand der Forschung als Bezugsgröße zum Maßstab genommen wird. Die Praxistauglichkeit – ein ganz zentraler Punkt – rückt dann in den Hintergrund.

Eine weitere bedenkliche Entwicklung ist die Regelsetzung durch DIN SPEC. Hier wird versucht, ohne die ansonsten selbstverständliche Einbindung der interessierten Kreise, Normung zu betreiben. Damit ist der Weg frei, Einzelinteressen durchzusetzen. Dies gefährdet nicht nur die Qualität, sondern auch die Reputation der gesamten Normung.

Vor allem aber ist der Bezug der Normung zur Basis oft nicht mehr ausreichend gegeben: Obwohl eine Partizipation von KMU an der Normung in hohem Maße erforderlich ist, um bereits während der Normenerstellung eine praktische Anwendbarkeit sicherzustellen, ist sie aufgrund mangelnder personeller und finanzieller Kapazitäten nur gering ausgeprägt.

Schließlich sind Tendenzen festzustellen, dass Normung vielfach durch Interessengruppen oder (weltweit agierende) Konzerne instrumentalisiert wird, um strategische Ziele zu erreichen. Vereinzelt kommt es auch vor, dass die Politik versucht, Themen des staatlichen Regelungsauftrages in die Normung zu verschieben. Hinzu kommt, dass die EU in der Normung vor allem ein Instrument sieht, um den Binnenmarkt zu stärken und mit einheitlichen Regeln auszustatten. Zuweilen geht dies zu Lasten deutscher Qualitätsanforderungen.

KMU stärker berücksichtigen

Vor diesem Hintergrund sind die Beobachtung des Normungsgeschehens und die Normungsarbeit extrem aufwändig geworden. Die meisten der kleinen und mittleren Unternehmen des Handwerks können dies nicht leisten. Aber auch deren Verbänden als Interessenvertretern fällt die Begleitung der Prozesse zunehmend schwer.

Auf diese aktuellen Herausforderungen in der Normung müssen Antworten gefunden werden, um auch zukünftig eine breite Akzeptanz der Normungsergebnisse sicherzustellen. Dies ist eine Voraussetzung für ein funktionierendes Normungswesen. Wir haben hierzu konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet, die wir in unserem Positionspapier „Handwerk und Normung“ zusammengefasst haben und die die Grundlage für eine umfassende Normungsstrategie bilden. Zur Normungsstrategie des ZDH gehört auch, dass sich das Handwerk seiner Rolle in der Normung bewusst ist und sich darin stärker engagieren will.