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KANBrief 3/19

Normung und Fortschritt – ein spannender Wettlauf

Prof. Dr. Joachim Breuer© EUROSHNET/André Wirsig

Prof. Dr. Joachim Breuer war von 2002 bis 2019 Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Neben anderen Aufgaben ist er Präsident der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und des Club de Genève – Global Social Future in der Schweiz. Auf der EUROSHNET-Konferenz 2019 in Dresden hat er einen Ausblick auf die Arbeitswelt im Zeitalter von 4.0 und Globalisierung gewagt.

Schauen Sie doch einmal in Ihre Glaskugel. Wie werden wir morgen arbeiten?

Die Arbeitswelt von morgen deutet sich schon heute an. Viele sprechen über die Vernetzung von Produktionsprozessen, als sei dies etwas Zukünftiges. Dabei sind Vernetzung, Industrie 4.0, kollaborierende Roboter in vielen Unternehmen bereits Alltag. Oft wird jedoch die Dynamik dieser Veränderungen unterschätzt. Der technologische Fortschritt treibt den Wandel und die Entstehung neuer Berufsbilder an. Nach Einschätzung des Weltwirtschaftsforums werden rund zwei Drittel der Kinder, die heute zur Grundschule gehen, in Berufen arbeiten, die es noch gar nicht gibt. Gleichzeitig wird eine erhebliche Zahl aktueller Arbeitsplätze und Berufe in den nächsten zwanzig Jahren verschwunden sein.

Erfasst dieser Wandel alle Berufsgruppen?

Die wachsende Automatisierung von Routinetätigkeiten wird reihenweise Berufe überflüssig machen oder transformieren. Betroffen sind nicht nur ungelernte Kräfte. Auch Buchhalter, Callcenter-Agenten und sogar hochqualifizierte Berufe wie Radiologen werden sich anpassen müssen, da automatisierte Prozesse immer stärker in angestammte Arbeitsfelder eingreifen.

Wie betrifft die Digitalisierung die Arbeitssicherheit?

Die Digitalisierung verändert möglicherweise auch den Wettlauf zwischen Normung und Technikentwicklung, weil ein neuer Läufer auf dem Spielfeld auftaucht: die Cybersicherheit. Die Frage, ob Hacking und Cyberkriminalität Probleme sind, die die Normung beschäftigen müssen, lässt sich derzeit nicht abschließend beantworten. Ich glaube, dass wir uns zukünftig verstärkt mit Risiken befassen müssen, die aus dem Verhalten Dritter in Form von Angriffen mit Schadcodes oder schlichtweg falschem Nutzerverhalten resultieren. Umso mehr stellt sich die Frage, ob ein Produkt als sicher bezeichnet werden kann, wenn an die funktionale Sicherheit zwar gedacht wurde, nicht aber an die Möglichkeit ungeplanter Eingriffe in die Software. Von Safety (funktionale Sicherheit) ohne Security (Datensicherheit) zu sprechen erscheint angesichts solcher Szenarien nur noch schwer möglich.

Kann uns die künstliche Intelligenz hier weiterhelfen?

Die künstliche Intelligenz (KI) elektrisiert und polarisiert gleichermaßen. Sie stellt uns vor neue Herausforderungen und kann der technischen Entwicklung einen gewaltigen Schub versetzten. Allerdings hat KI nicht immer mit kreativem Schaffen zu tun. Oft werden Prozesse einfach nur schneller. Im vergangenen Jahr fand ein Team von Wissenschaftlern in den USA einen Weg, die Forschung zu neuen Superlegierungen mit Hilfe von Big-Data-Analysen und lernenden Algorithmen zu beschleunigen. Um das 200-fache!

Eine derartige Beschleunigung der Prozesse wird uns schon bald eine Vielzahl neuer Produkte und Anwendungen bescheren. Nur: Woher wissen wir, dass diese auch sicher sind? KI kann Gesetzmäßigkeiten und Phänomene aufspüren, die kein Mensch erwartet oder erahnt hat. Das ist ihr großer Vorteil. Es ist aber auch ihr Nachteil – nämlich dann, wenn sie Fehler produziert und niemand weiß, woran es liegt.

Wie wirkt sich dieser Wandel auf Arbeitsschutz und Normung aus?

Die sich abzeichnenden Veränderungen und Disruptionen werden nicht nur Unternehmen und Geschäftsmodelle betreffen. Wenn sich diese Dynamik verstärkt, wird das nicht ohne Folgen bleiben für Institutionen, Sozialpartner und andere, die bislang das Spielfeld mitbestimmen.

Die Frage ist auch, ob die Normung in Zukunft noch im selben Ausmaß wie bisher zu Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit beitragen kann. Wir haben uns in Deutschland lange damit befasst, ob die Normung mit der Innovation Schritt halten kann: Sie versucht, dem wachsenden Tempo des technischen Fortschritts etwas entgegenzusetzen. Nicht mehr in vollem Konsens erstellte Spezifikationen – zum Beispiel DIN SPECs – sind ein Ergebnis dieser Entwicklung.

Hinzu kommt, dass die Beeinflussung von industriellen Prozessen zukünftig wohl nicht mehr wie bisher von Europa und den USA ausgehen wird. Die Verschiebung der wirtschaftlichen Gewichte auf unserem Planeten ist in vollem Gange. Für die Normung ist es daher entscheidend, leis­tungsfähige Netzwerke zu bilden, um als Play­er auf dem Spielfeld ernst genommen zu werden. Spannende Aufgaben liegen also vor uns!