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Praktische Tipps für die Normungsarbeit

Die Mitarbeit in Normungsgremien auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene bietet die Chance, Standards aktiv mitzugestalten und damit sichere Arbeitsbedingungen zu fördern. Im Arbeitsschutz sind engagierte Expertinnen und Experten gefragt, um sicherzustellen, dass arbeitsschutzrelevante Anforderungen im Normungsprozess frühzeitig und wirksam berücksichtigt werden.

Normungsprozesse folgen klar definierten Schritten – von der Idee und der Erarbeitung eines ersten Normvorschlags über den Norm-Entwurf bis hin zur Schlussabstimmung und Veröffentlichung der fertigen Norm (siehe Abbildung). Nur wer die einzelnen Schritte des Normungsprozesses und die jeweiligen Einflussmöglichkeiten kennt, kann gezielt agieren und viel bewirken. Gleiches gilt für die verschiedenen Rollen in der Normung: Delegierte in europäischen und internationalen Sitzungen vertreten die im nationalen Spiegelgremium vereinbarte Position. Expertinnen und Experten in Arbeitsgruppen vertreten hingegen ihre Fachmeinung und sind nicht an die nationale Position gebunden. Obleute und Projektmanager, sowie auf europäischer und internationaler Ebene Convenor, Sekretariate und Projektleitungen, organisieren und betreuen die fachliche Arbeit in den Gremien.

Weiterhin sollte man die unterschiedlichen Dokumentarten der Normungsorganisationen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene kennen und deren Eignung für das zu regelnde Thema einschätzen können. Nicht alle Dokumentarten eignen sich z.B. für Anforderungen im Bereich Arbeitsschutz (mehr dazu unter Normungspolitik →  Schnelle Normungsdokumente und in der KAN-Position zu schnellen Normungsdokumenten).

Inhalte gestalten durch aktive Mitarbeit

Den größten Gestaltungsspielraum bietet die Mitarbeit in einem Normungsgremium. Hier werden fachliche Schwerpunkte gesetzt und Kommentare beraten. Eine aktive Mitwirkung bei der Textarbeit ermöglicht es, Interessen im Bereich Sicherheit und Gesundheit sozusagen an der Quelle einzubringen. Klar formulierte Sachargumente erhöhen die Chance, dass die eigene Position national angenommen wird und im nächsten Schritt auch in europäische und internationale Diskussionen einfließt.

Normen entstehen vor allem durch präzise Textarbeit. Für eine wirksame Beteiligung sollten Unterlagen gründlich gelesen und Änderungswünsche klar formuliert werden. Kommentare sollten konkret und nachvollziehbar begründet sein und immer einen alternativen Formulierungsvorschlag enthalten. Die Anforderungen in Normen müssen anwendbar, eindeutig und überprüfbar sein. Normen sollen den Stand der Technik widerspiegeln, sie dienen nicht dem Wettbewerb. Werbung, verdeckte Produktbevorzugung oder kartellrechtlich problematische Aussagen sind unbedingt zu vermeiden. Man sollte nach Möglichkeit über einen längeren Zeitraum (oder zumindest für die Laufzeit eines Normungsprojektes) kontinuierlich im Normungsgremium mitarbeiten, um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu fördern. Ziel sollte immer ein Konsens aller Beteiligten sein, Abstimmungen sollten nur im Ausnahmefall erfolgen.

Kann sich der Arbeitsschutz durch die Mitarbeit im Gremium und Stellungnahmen während der öffentlichen Umfrage nicht durchsetzen, gibt es die Möglichkeit, sich auf das „geschlossene Votum“ zu berufen. Sind die Voraussetzungen dafür erfüllt, dann kann DIN keine Entscheidung gegen die Position des Arbeitsschutzes treffen. Das bedeutet zum Beispiel, dass DIN einer Norm auf europäischer Ebene nicht zustimmen darf, wenn der deutsche Arbeitsschutz sich geschlossen gegen diese Norm positioniert hat.

Netzwerkarbeit führt oft zum Erfolg

Normungsarbeit erfolgt nie im luftleeren Raum. Vertreterinnen und Vertreter bringen die Perspektiven ihrer Organisation oder ihres Unternehmens ein. Sich im eigenen Hause sowohl zu technischen Inhalten als auch zu strategischen Fragen abzustimmen, ist von Vorteil. Dadurch entstehen konsistente Positionen, die die eigene Argumentation im Gremium stärken und spätere Konflikte vermeiden.

Auch auf europäischer und internationaler Ebene steht die Konsensbildung im Mittelpunkt. Unterschiedliche Kulturen, technische Ansätze und nationale Interessen treffen hier aufeinander. Ein respektvoller Umgang erleichtert es, Verbündete zu finden und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Daher gilt:

  • Kompromissbereitschaft zeigen, ohne zentrale Sicherheitsanforderungen
    aufzugeben.
  • Sachlich argumentieren und unnötige Konflikte vermeiden.
  • Klare, neutrale und gut begründete Beiträge leisten.

Normungsarbeit ist Teamarbeit. Fachliche Allianzen – sowohl national als auch international – erhöhen die Durchsetzungsfähigkeit. Informelle Gespräche, bilaterale Abstimmungen oder Erfahrungsaustausch zwischen Arbeitsgruppen können dazu beitragen, schwierige technische Fragen konstruktiv zu lösen. Gerade für komplexe Themen des Arbeitsschutzes sind verlässliche Partnerschaften von großem Vorteil.

Mehr über die Funktionsweise und Bedeutung der Normung und die Einflussmöglichkeiten des Arbeitsschutzes erfahren Sie im Seminar „Grundlagen der Normungsarbeit im Arbeitsschutz“. Das Seminar findet dieses Jahr vom 22. bis 24. September 2026 in Sankt Augustin statt.

Lesen Sie in der Rubrik Normungsgrundlagen mehr dazu, wie europäische und internationale Normen entstehen und welche Einflussmöglichkeiten es gibt. Gerne bietet die KAN-Geschäftsstelle Arbeitsschutzfachleuten dazu auch eine Online-Kurzschulung in kleinen Gruppen an.

Wenn Sie Fragen zur arbeitsschutzbezogenen Normung haben oder Unterstützung in der Normungsarbeit benötigen, steht die KAN-Geschäftsstelle gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Katharina von Rymon Lipinski

vonRymonLipinski@kan.de