EUROSHNET-Konferenz 2026: Arbeitsschutz und Normung zwischen KI und Klimawandel
Podiumsdiskussion “Innovations and safety in a green and digital world”: Rafał Górny (CIOP-PIB), Ewelina Broda-Kaczmarek (BG RCI), Stéphanie Marsteau (INRS), Katja Tähtinen (Aalto University), Thomas Alexander (BAuA)
Wie müssen Normung, Prüfung und Zertifizierung auf den digitalen und grünen Wandel reagieren, um langfristig zu sicheren und gesunden Arbeitsplätzen beizutragen? Darüber diskutierten Ende Mai mehr als 100 Fachleute aus ganz Europa auf der 9. EUROSHNET-Konferenz zu Normung, Prüfung und Zertifizierung im Arbeitsschutz in Helsinki.
Im Fokus der Konferenz standen die beiden großen Transformationsprozesse unserer Zeit: Klimawandel und Digitalisierung. Beide haben einen großen Einfluss auf die Arbeitswelt und stellen die Regelsetzung und Normung vor neue Herausforderungen. Raimo Antila vom finnischen Ministerium für Soziales und Gesundheit betonte, dass sich Klimawandel und digitale Transformation nicht von einem Akteur allein bewältigen ließen, sondern dazu Gesetzgeber, Unternehmen, Sozialpartner, Arbeitsschutzinstitutionen und Normungsorganisationen eng zusammenarbeiten müssten.
„Arbeitsschutz ist ein Wettbewerbsfaktor“, machte Nikolaos Mitsouridis (Generaldirektion Beschäftigung der Europäischen Kommission) eingangs deutlich. Die Arbeitsschutzgesetzgebung in der EU sei gut aufgestellt, müsse aber bei Bedarf gezielt aktualisiert werden.
In der Normungspolitik ist die EU-Normungsverordnung ein zentrales Element. Ziel der aktuellen Überarbeitung sei es, die Beteiligung relevanter Interessengruppen zu stärken und Normungsprozesse effizienter zu gestalten, etwa durch neue digitale Werkzeuge wie die Online Standards Development Platform (OSD) und die Bereitstellung von Normen in maschinenlesbarer Form. Ewa Zielińska (Polnisches Normungsinstitut PKN) machte in der Diskussion allerdings deutlich, dass Geschwindigkeit nicht zum Selbstzweck werden darf. Es brauche eher „zügige“ als schnelle Normungsverfahren. Otto Görnemann (SICK AG) bekräftigte, dass insbesondere sicherheitsrelevante Normen ausreichend Zeit für fachliche Beratungen benötigten, die sich auch durch digitale Tools nicht verkürzen ließen.
Klimawandel
Mit dem Klimawandel geht eine Vielzahl neuer oder erhöhter Risiken einher, etwa stärkere Hitzebelastung und UV-Exposition, Extremwetterereignisse und die Ausbreitung infektiöser und allergischer Erkrankungen. Neue Arbeitsschutzanforderungen entstehen auch durch die Dekarbonisierung, die Kreislaufwirtschaft und alternative Energiequellen. Auch die Funktionsfähigkeit von Materialien und elektronischen Systemen kann durch Umwelteinflüsse wie hohe Temperaturen beeinträchtigt werden.
Thomas Alexander (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) machte deutlich, dass bereits zahlreiche Strukturen und Instrumente vorhanden seien, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Wichtig sei vor allem, anstelle von Einzellösungen einen ganzheitlichen Ansatz über Branchen- und Ländergrenzen hinweg zu verfolgen. Vielfach gebe es in anderen Teilen der Welt bereits bewährte Lösungen, die man übernehmen könne. Dazu brauche es einen intensiven internationalen Austausch zwischen Wissenschaft, Sozialpartnern und Arbeitsschutzakteuren.
Persönliche Schutzausrüstung
Neue Technologien machen auch eine Weiterentwicklung der EU-Verordnung für Persönliche Schutzausrüstung (PSA) notwendig. Pilar Cáceres (INSST) machte deutlich, dass Aspekte wie der Online-Handel, intelligente PSA, die unterschiedlichen Bedürfnisse von älteren Menschen, Menschen mit Behinderungen, neurodiversen Personen oder Kindern sowie psychische Faktoren wie kognitive Überlastung oder verändertes Risikoverhalten durch neue Technologien bisher zu wenig oder gar nicht berücksichtigt seien.
Wie dringend in Normen und Normungsgremien mehr Inklusivität erforderlich ist, zeigte der Beitrag von Natalie Wilson (Workwear Solutions International). Sie kritisierte, dass viele Normen und Produkte auf veralteten anthropometrischen Daten beruhen und die Bedürfnisse von Frauen und weiteren Nutzergruppen nicht ausreichend berücksichtigen. Ein besonders eindrückliches Beispiel: Die kleinste nach Norm geprüfte Handschuhgröße ist für 86 Prozent der Frauen zu groß. Schlecht sitzende Passformen führten häufig dazu, dass Beschäftigte ihre PSA eigenständig veränderten – mit zusätzlichen Risiken für Sicherheit und Gesundheit. In einer Studie der Europäischen Kommission wurden 76 PSA-Normen identifiziert, die aufgrund ihrer mangelnden Inklusivität ein Sicherheitsrisiko darstellen und dringend überarbeitet werden müssen.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz
Arbeitsschutzvorschriften sind nicht mit Blick auf KI konzipiert, und umgekehrt berücksichtigen KI-Systeme nicht unbedingt die Anforderungen des Arbeitsschutzes. Nastazja Potocka-Sionek (Universität Luxemburg) betonte, dass es gerade im Bereich des algorithmischen Managements derzeit noch Regelungslücken gibt und weiterer Forschungsbedarf zu den Zusammenhängen zwischen KI und Arbeitsschutzrisiken besteht.
In einer Podiumsdiskussion sprachen sich die Beteiligten für eine ausgewogene Regulierung zur Künstlichen Intelligenz aus. Sowohl Hersteller als auch Anwender benötigten vor allem Rechtssicherheit. Aktuell seien die Anforderungen teils unstimmig und würden sehr unterschiedlich interpretiert. Die europäische KI-Verordnung müsse daher dringend in sektorspezifischen Regelungen konkretisiert werden.
Eng mit der Digitalisierung verknüpft ist das Thema Cybersicherheit. Allein in Deutschland betrug der Verlust durch Cyberattacken auf Unternehmen 2023 über ٢٠٠ Milliarden Euro. Jonas Stein (DGUV) und Jean-Christophe Blaise (INRS) stellten die Zusammenhänge zwischen der Maschinenverordnung und der Cyberresilienz-Verordnung der EU vor und warben dafür, diesem oft vernachlässigten Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Zukunft der Normung
Zum Abschluss richtete die Konferenz den Blick auf die Zukunft der Normung. Kathrin Behnke (Europäischer Gewerkschaftsbund) betonte, dass Europa über ein besonders hohes Schutzniveau im Arbeitsschutz verfüge und diese Werte auch in die internationale Normung einbringen sollte. Allerdings sei Normung nicht für jedes gesellschaftliche Problem das geeignete Instrument. Auch könne und solle sie die Gesetzgebung nicht ersetzen. In einem Punkt waren sich die Beteiligten einig: Normen sind ein unverzichtbares Instrument zur Förderung von Sicherheit, Interoperabilität und internationalem Handel.
Sonja Miesner
miesner@kan.de
Michael Robert
robert@kan.de
Weitere Informationen
Informationen zu EUROSHNET, Fotos und Vorträge der 9. EUROSHNET-Konferenz:
www.euroshnet.eu
Über EUROSHNET
EUROSHNET (European Occupational Safety and Health Network) ist seit über 20 Jahren eine wichtige europäische Plattform für den Austausch zwischen Fachleuten aus Arbeitsschutzinstitutionen, Normungsorganisationen, Prüf- und Zertifizierungsstellen, Sozialpartnern, Unternehmen und staatlichen Einrichtungen. Etwa alle zwei Jahre veranstaltet EUROSHNET eine europäische Konferenz; die nächste Ausgabe ist für 2028 in Sevilla geplant.