Normung im globalen Wettbewerb: Europas Stärke aktiv einbringen
Der Wettbewerb um internationale Normen hat sich verschärft. In digitalen Schlüsselfeldern wie Künstlicher Intelligenz (KI) und vernetzten Produktionssystemen sind andere Akteure früh präsent und setzen Impulse, oft schon bevor Europa seine Position abgestimmt hat. Für den Arbeitsschutz ist das keine abstrakte Frage – hier entscheidet sich, welche Sicherheitsanforderungen künftig auch in Arbeitssystemen eine Wirkung entfalten können.
Die Normungssysteme der großen Wirtschaftsräume folgen unterschiedlichen Logiken: Die USA setzen auf marktgetriebene Standards mit staatlicher Rückendeckung, in China ist Normung Teil einer industriepolitischen Gesamtstrategie. Europa setzt auf konsensbasierte Prozesse, an denen Wirtschaft, Wissenschaft, öffentliche Hand, Arbeitsschutz und Zivilgesellschaft gemeinsam beteiligt sind. Dieser Ansatz kann langsamer sein, aber er erzeugt Normen, die regulatorisch anschlussfähig sind, gesellschaftliches Vertrauen sichern und auf Exportmärkten bestehen. Über 1,5 Billionen Euro deutscher Exporte basieren auf Standards mit starker DIN-Beteiligung. Das ist kein Zufallsergebnis, sondern die Folge eines Modells, das Qualität und Akzeptanz strukturell verankert.
Digitale Felder: Wo die Weichen jetzt gestellt werden
Deutschland prägt die internationale Normung wie kaum ein anderes Land: Mit 17,1 Prozent aller ISO-Sekretariate liegt DIN weltweit auf Platz eins, im europäischen CEN sind es 28,7 Prozent (Internationales Normungsbarometer). Diese Präsenz ist das Ergebnis langfristiger, konsistenter Beteiligung – und sie steht unter Druck, weil sich der Wettbewerb in Felder verlagert, in denen Normungsbedarfe schnell entstehen und frühe Positionen prägend wirken. In etablierten Industriebereichen ist Europa gut aufgestellt. In digitalen Zukunftsfeldern ist der Markt umkämpfter und Deutschland steht im Wettbewerb mit vielen anderen Regelsetzern – allen voran USA und China.
Gerade in solchen dynamischen Feldern entscheidet sich früh, wer die inhaltlichen Leitplanken setzt und damit globale Märkte prägt. Ein besonders prägnantes Beispiel ist ISO/IEC JTC 1/SC 42, das zentrale internationale Gremium für KI-Normung. Dort entstehen derzeit Standards, die direkt auf industrielle Anwendungen wirken: Anforderungen an KI-gestützte Entscheidungssysteme, an algorithmische Risikoanalyse, an die Verlässlichkeit automatisierter Prozesse in sicherheitskritischen Umgebungen. Diese internationalen Arbeiten bilden zugleich eine wichtige Grundlage für die Normung in Europa. Denn die KI-Verordnung (AI Act) setzt zwar in der EU den gesetzlichen Rahmen, konkretisiert ihre technischen Anforderungen aber über Normung. Dazu hat die Europäische Kommission die europäischen Normungsorganisationen CEN und CENELEC beauftragt, harmonisierte europäische Normen zu erarbeiten. Diese bauen häufig auf internationalen Normen auf oder verweisen auf sie und werden gezielt um zusätzliche europäische Anforderungen ergänzt.
Aus diesen europäischen Normungsarbeiten heraus entstehen derzeit Standards für Hochrisiko-KI-Systeme – darunter ausdrücklich auch Anwendungen in der Arbeitswelt. Für Hersteller und Betreiber werden diese Normen unmittelbar relevant, da sie festlegen, welche Anforderungen erfüllt sein müssen, damit KI-Systeme als sicher und rechtskonform gelten.
Gerade deshalb ist es entscheidend, dass Arbeitsschutzexpertise frühzeitig in diese Prozesse einfließt. In Deutschland bündelt die KAN die Arbeitsschutzperspektive und bringt sie über DIN in europäische und internationale Normungsprozesse ein. Das trägt dazu bei, dass Sicherheitsanforderungen von Beginn an mitgedacht werden. Dieses Engagement zeigt, welchen strukturellen Beitrag der Arbeitsschutz zur Qualität und Akzeptanz von Normen leistet.
Arbeitsschutz als strukturelles Qualitätsmerkmal
Im europäischen Normungssystem werden Produktsicherheitsaspekte systematisch und verbindlich berücksichtigt – deutlich stärker als in vielen anderen Normungssystemen. In Deutschland ist die Berücksichtigung des öffentlichen Interesses, was den Arbeitsschutz mit einschließt, zudem im Normenvertrag zwischen DIN und der Bundesregierung fest verankert. Das trägt unter anderem dazu bei, dass Sicherheitsanforderungen bereits während der Erarbeitung in der Norm verankert werden – nicht erst, wenn Technologien bereits am Markt sind und Risiken sichtbar werden.
Dieser Ansatz hat nachweisbare Wirkung, wie etwa am Beispiel der europäischen Maschinenverordnung und ihren Normungsgrundlagen erkennbar. Allen voran die Normenreihe EN ISO 12100 zur Risikobeurteilung gilt international als Referenz für sicherheitsorientierte Produktgestaltung. Dieses Erfolgsmodell wird bereits auf neue Technologien übertragen: Die laufende KI-Normung zeigt, wie wichtig die Stimme des Arbeitsschutzes auch in hochdynamischen, digitalen Feldern ist – etwa bei der Bewertung algorithmischer Risiken oder der sicheren Gestaltung automatisierter Entscheidungsprozesse in der Arbeitswelt.
DIN: Deutsche Expertise in internationalen Einfluss übersetzen
DIN bündelt die deutsche Beteiligung in europäischen und internationalen Normungsgremien bei CEN und ISO und bringt nationale Positionen frühzeitig ein. Diese Rolle ist nur wirksam, weil DIN neutral und unabhängig organisiert ist: Normung, die als Interessenpolitik wahrgenommen wird, verliert ihr entscheidendes Kapital. Vertrauen in die Unabhängigkeit des Prozesses ist der Grund, warum europäische Normen auf internationalen Märkten Akzeptanz finden – und warum das europäische Modell gegenüber staatlich gesteuerten oder industriegetriebenen Alternativen auf Dauer belastbarer ist. Dass Deutschland diesen Platz hält, ist kein Selbstläufer – es erfordert kontinuierliche Präsenz und
Sibylle Gabler
Mitglied der Geschäftsleitung von DIN
sibylle.gabler@din.de