Das Ende der "Paywall" bei Normen?
Wie das Malamud-Urteil das europäische Normungssystem umkrempelt: Der freie Zugang zu harmonisierten Normen ist gesetzt. Während andere europäische Länder mit Staatsgeld reagieren oder auf Zertifizierungen setzen, baut DIN auf Künstliche Intelligenz (KI) und smarte Daten.
In der Welt der technischen Normung vollzieht sich ein Epochenwechsel, der bisherige Geschäftsmodelle der Normungsorganisationen infrage stellt. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) in der Rechtssache C-588/21 P markiert das Ende einer Ära, in der harmonisierte Normen exklusiv gegen teils hohe Gebühren zugänglich gemacht werden konnten. Im Zentrum des juristischen Bebens steht der US-Aktivist Carl Malamud, der mit seiner Organisation PublicResource.org seit Jahren für das Prinzip kämpft, dass Gesetze und die darin referenzierten Regeln für jeden kostenfrei lesbar sein müssen.
Die Luxemburger Richter folgten 2024 dieser Argumentation: Harmonisierte technische Normen, die etwa die Sicherheit von Spielzeug oder Aufzügen konkretisieren, sind ihnen zufolge ein wesentlicher Bestandteil des EU-Rechts. Damit unterliegen sie dem rechtsstaatlichen Gebot der Transparenz. Wer verpflichtet ist, Regeln einzuhalten, muss diese auch kennen können, ohne vorher eine „Eintrittsgebühr“ an private Organisationen zu entrichten.
Diese Entwicklung ist kein isoliertes europäisches Phänomen. Erst im April bestätigte ein US-Berufungsgericht in Philadelphia im Streit zwischen der Normungsorganisation ASTM International und dem Dienst UpCodes, dass private Standards ihren Copyright-Schutz weitgehend einbüßen, sobald sie wörtlich in staatliche Gesetze einfließen. Das Prinzip des „Fair Use“ wiegt hier schwerer als Verwertungsinteressen.
Normungsorganisationen in Europa stellen sich neu auf
Ein Blick auf den europäischen Kontinent zeigt eine diverse Landschaft, wie die Nationalstaaten auf den Wegfall der klassischen „Paywall“ reagieren. In Slowenien etwa hat der Staat Fakten geschaffen. Als Reaktion auf die europäische Rechtsentwicklung entschied das dortige Wirtschaftsministerium, die Finanzierung des Instituts SIST teils zu verstaatlichen. Damit werden harmonisierte Normen nun mit Steuermitteln querfinanziert, um sie der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
Einen anderen Ansatz verfolgen Schwergewichte wie die British Standards Institution (BSI), die französische AFNOR oder die spanische AENOR, die sich nicht erst seit der EuGH-Entscheidung als breit aufgestellte Dienstleistungskonzerne positionieren. Sie generieren Erlöse kaum noch über den Verkauf von Papier oder PDFs, sondern durch Zertifizierungen, Prüfsiegel und umfangreiche Schulungsprogramme.
In Skandinavien schwört insbesondere Danish Standards auf technologische Integration. Die Dänen bieten Beratungspakete für die CE-Kennzeichnung an, bei denen der Normtext nur noch „Beifang“ ist.
DIN setzt auf neue Geschäftsmodelle mit KI
Mitten in dem Transformationsprozess steht das Deutsche Institut für Normung (DIN). Marion Winkenbach, Geschäftsführerin des Lizenzierungs- und Vertriebsarms DIN Media, warnt davor, das Urteil mit Blick auf Geschäftsmodelle überzubewerten. Das Bild sei komplex. Zunächst gelte es, die Zahlen zu betrachten: Von den insgesamt 24.982 europäischen Normen, die im ersten Quartal 2026 von CEN und CENELEC geführt werden, sind nur 3614 als „harmonisiert“ eingestuft – also jene, die von der EU-Kommission beauftragt und von einer der europäischen
Normungsorganisationen erarbeitet worden sind. DIN stellt davon aktuell
446 Normen gratis über eine nationale Plattform bereit.
Laut Winkenbach ist ein wirtschaftlicher Schaden bisher ausgeblieben, auch weil die europäischen Normungsinstitute das Urteil durch beschränkten Zugriff eng auslegen. Zugriff bedeutet für DIN: Lesen, aber nicht Herunterladen oder Ausdrucken. Für die Nutzungsoptionen Download oder Print ist weiter eine kostenpflichtige Lizenz erforderlich.
Dennoch ist man sich in Berlin bewusst, dass der reine Verkauf von Normen als vorrangiges Geschäftsmodell ausgedient hat. Die Erwartungshaltung der Kunden wandelt sich in Richtung „kostenlos“, und das Malamud-Urteil wirkt hier als Turbo. DIN reagiert nicht erst seit dem Malamud-Urteil auf die veränderten Nutzungsbedarfe mit einer Doppelstrategie aus neuen Finanzierungsquellen und technologischen Innovationen. Ein Baustein sind „Sponsored Access“-Modelle. Dabei zahlen nicht die Endnutzer für die Norm, sondern Sponsoren – etwa Ministerien oder Branchenverbände. Diese haben ein Interesse daran, dass bestimmte Standards weit verbreitet werden.
Der Schwerpunkt von DIN Media liegt auf dem Wandel vom Verleger und Content-Provider zum Software- und Datenanbieter. „Wir müssen den Kunden smarte Zugangsmöglichkeiten und Mehrwerte für die Anwendung von Normen bieten“, weiß Winkenbach. Ein statisches PDF mit 700 Seiten ist in einer digitalisierten Industriewelt nicht zeitgemäß. Das Institut setzt daher auf Künstliche Intelligenz und granulare Datenformate wie XML oder ReqIF. Ein auf dem Sprachmodell (LLM) Gemini basierender KI-Assistent soll Nutzer durch einen „Fragentrichter“ zur Antwort etwa auf einen spezifischen Anwendungsaspekt einer Norm führen.
Anstatt mühsam eine Normensammlung nach den korrekten Mischverhältnissen für Betonröhren zu durchsuchen, liefert die KI die Antwort samt Verweis auf relevante Abschnitte. Der Mehrwert entsteht durch die Erhöhung der Sucheffizienz und verlagert sich so vom Normenzugang zum gezielten Normenverständnis.
Sabrina Butters, verantwortlich fürs Partnermanagement bei DIN Media, sieht hier eine konkrete Nachfrage. Viele Firmen wollen Normen in ihre internen, KI-basierten Systeme einspeisen. Anders als die britischen oder spanischen Normungsinstitute lehnt DIN das Geschäft mit der Zertifizierung ab. Es will die Rolle als neutraler Moderator im Normungsprozess nicht gefährden.
Das Malamud-Urteil zwingt DIN so dazu, den „Ritterschlag“, den eine konsensbasierte Norm durch den jahrelangen Expertenprozess erhält, teils neu zu monetarisieren. Es geht um die Bereitstellung von validiertem Wissen in maschinenlesbarer Form. DIN wettet auf die Intelligenz seiner Daten. Die Normung wird so zu einem digitalen Werkzeug, bei dem der freie Lesezugriff nur noch die Basis darstellt. Am Ende könnte das Malamud-Urteil den Innovationsschub auslösen, den das Normungswesen braucht, um im Zeitalter von KI und Industrie 4.0 zu bestehen.
Stefan Krempl
Freier Journalist
sk@nexttext.de