ECOS: die Stimme des Umweltschutzes in der Normung
ECOS, die Environmental Coalition on Standards, vertritt seit 25 Jahren Umweltinteressen in der Normung. Amina Aissani, leitende Programmmanagerin für Normungspolitik, erläutert, wie die Organisation arbeitet und welche Themen derzeit im Fokus stehen.
Was ist die Zielsetzung von ECOS und wie ist die Organisation aufgebaut?
ECOS ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für umweltschutzorientierte Normen, Politik und Gesetze einsetzt. Wir bringen Umweltexpertise in europäische und internationale technische Normen ein, die für einen reibungslosen Übergang zur Kreislaufwirtschaft, die Dekarbonisierung der Industrie, ein effizientes Energiesystem aus erneuerbaren Quellen und die Bekämpfung von Greenwashing von entscheidender Bedeutung sind.
Über 60 Mitgliedsorganisationen in 30 Ländern bilden das ECOS-Netzwerk. Der von der Hauptversammlung gewählte Vorstand ist zuständig für strategische Entscheidungen. Das alltägliche Normungsgeschäft koordiniert die Geschäftsstelle mit ihren über 30 Beschäftigten. Ergänzt wird dies durch einen Pool von Fachleuten, die technischen und wissenschaftlichen Input geben und in den Normenausschüssen mitarbeiten.
ECOS ist eine der vier Organisationen, die nach Anhang III der EU-Normungsverordnung 1025/2012 offiziell als Interessenvertreter im europäischen Normungssystem anerkannt sind, in unserem Fall für Umweltinteressen. Wir sind Partnerorganisation von CEN und CENELEC, Mitglied von ETSI und auch international in zahlreichen Ausschüssen bei ISO, IEC und ITU tätig. Finanziert wird ECOS durch Fördermittel der EU und EFTA sowie wohltätiger Stiftungen.
Welche Rolle spielt die Normung im Umweltschutz und wie ist ECOS daran beteiligt?
Wenn Normung sinnvoll eingesetzt wird, ist sie ein wichtiges Instrument, das zu einer gesunden und sauberen Umwelt beitragen kann. ECOS zeigt auf, wo neue Normen notwendig sind oder Überarbeitungsbedarf besteht und setzt sich für nachhaltige und ambitionierte Umweltziele in politischen Strategien und Gesetzen ein, die für die Umsetzung auf Normen setzen.
Normen legen wichtige technische Spezifikationen fest, beispielsweise zur Messung des Energieverbrauchs von Haushaltsgeräten oder zur Bestimmung des Materialverbrauchs und der Reparatur- und Recyclingfähigkeit von Produkten, und bilden damit die Grundlage für eine nachhaltige Wirtschaft. Viele dieser Spezifikationen sind durch internationale Normen der ISO und IEC weltweit vereinheitlicht und unterstützen somit den globalen Handel.
Normen können dazu beitragen, Innovationen voranzutreiben: Sie erleichtern den Marktzugang für saubere Technologien sowie klimafreundliche Produkte und Dienstleistungen, z. B. natürliche Kältemittel, kohlenstoffarmen Zement, reparierbare Produkte, kreislauffähige Fischereiausrüstung oder energie- und materialeffiziente Produkte. Normen können auch Verbraucherentscheidungen beeinflussen, wenn sie für Kennzeichnungen oder in Werbebotschaften verwendet werden. Außerdem werden sie in Europa als Instrument zur Konkretisierung von Umweltvorschriften wie REACH für Chemikalien und RoHS für die Beschränkung gefährlicher Stoffe herangezogen. Sie lösen dann die Vermutungswirkung aus und erleichtern so den Marktzugang.
ECOS ist eng in die Normungsverfahren eingebunden. Wir haben Zugang zu über 300 Ausschüssen und Arbeitsgruppen in europäischen und internationalen Normungsorganisationen vor allem in den Bereichen Umweltmanagement, Kreislaufwirtschaft, Gebäude und Bauwesen sowie Energieeffizienz, darunter Liaison-Status in 40 Ausschüssen bei ISO.
Als Partnerorganisation bei CEN und CENELEC ist ECOS in technischen Ausschüssen und Arbeitsgruppen beteiligt und kann während der Normerarbeitung Stellungnahmen einreichen und sich fachlich einbringen. Darüber hinaus initiiert ECOS Projekte wie die Initiative des High Level Forums on European Standardisation zur besseren Berücksichtigung von gesellschaftlichen Interessen und KMU in der internationalen Normung. Außerdem sind wir an einflussreichen Umweltkampagnen wie „Right to Repair Europe“ und der Allianz „Rethink Plastic“ beteiligt.
Welche Themen stehen derzeit ganz oben auf der Tagesordnung?
ECOS befasst sich mit einer Vielzahl von Umweltthemen wie der Dekarbonisierung der Industrie, z. B. bei Zement und Stahl, dem umweltbewussten öffentlichen Beschaffungswesen, Ökodesign in allen Bereichen, kritischen Rohstoffen, Kohlenstoffbilanzierung sowie neuen Themen wie Digitalisierung und Rechenzentren. Parallel dazu betonen wir immer wieder, dass das Normungssystem auf allen Ebenen inklusiver und transparenter werden muss und Normen sinnvoll zur Konkretisierung der Umweltgesetzgebung und -politik eingesetzt werden sollten. Dies sind unsere Kernanliegen bei der Überarbeitung der EU-Normungsverordnung, die eine einmalige Gelegenheit bietet, das System für Umweltorganisationen und andere gesellschaftliche Interessengruppen inklusiver zu gestalten.
Wo liegen möglicherweise gemeinsame Interessen von Umweltschutz und Arbeitsschutz?
Es gibt erhebliche Überschneidungen zwischen Umwelt-, Arbeits- und auch Verbraucherschutz. All diese Bereiche profitieren von einem konsequenten Gefahrstoffmanagement, das Beschäftigte und Verbraucher vor Exposition schützt und gleichzeitig Umweltverschmutzungen verhindert. Technische Maßnahmen wie Absaug- oder Filtersysteme verbessern die Luftqualität am Arbeitsplatz und reduzieren Emissionen in die Umwelt. Auch die Abfallvermeidung schafft Synergien: Weniger Abfall bedeutet weniger Umweltbelastung und weniger Gesundheitsrisiken beim Recycling und bei der Entsorgung von Restmüll. Ein weiteres Beispiel ist die nachhaltige Beschaffung, da umweltfreundliche Produkte oft auch besser für die Gesundheit sind.
Ein sehr anschauliches Beispiel für nicht ganz deckungsgleiche, aber ähnlich gelagerte Interessen ist persönliche Schutzausrüstung (PSA). Diese kann nicht immer repariert oder wiederverwendet werden, besteht teilweise aus schwer recycelbaren Materialien, oder erfordert intensive Reinigungs- oder Desinfektionsmaßnahmen, die die Umwelt belasten können. Wir erkennen an, dass die Sicherheit von Nutzern und Verbrauchern an erster Stelle stehen sollte. Dies sollte jedoch nicht dazu führen, dass dringend benötigte nachhaltige Lösungen wie reparierbare und recycelbare PSA oder umweltfreundliche Reinigungsmittel verhindert werden. Eine enge Zusammenarbeit in Bereichen wie dem Gefahrstoffmanagement, der Produktentwicklung und der Nachhaltigkeit in Unternehmen ist daher besonders wichtig, um Lösungen zu finden, die allen Interessengruppen zugutekommen.